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Aggression Überblick

Aggression, Wut und Ärger: Verhaltensmodelle verstehen

Was ist Aggression?

“Aggression” ist der Ausdruck negativer Emotionen in allen Verhaltensweisen, die mit der Absicht ausgeführt werden, einer Person oder einem Gegenstand Schaden zuzufügen. Dabei handelt es sich nicht nur um ein unterbewusstes Motiv oder einen Affekt, sondern auch um ein bewusst steuerbares Verhalten. Es lassen sich zahlreiche Formen der Aggression unterscheiden: Offen (beobachtbar), Verdeckt (phantasiert), Instrumentell (Aggression als Mittel zum Zweck, z.B. Aggression in Kauf genommen zum Banküberfall für Geldgewinn), Direkt (unmittelbar gegen die Person gerichtet, z.B. Boxen), Indirekt (kein direkter Angriff, z.B. üble Nachrede), Körperlich, Verbal, Autoaggression (gegen sich selbst, z.B. Nägelkauen, Selbstverletzung), Positiv (von Kultur gebilligt, z.B. Notwehr), Negativ (von Kultur nicht gebilligt) – und viele weitere Differenzierungen. 

Terminologie

Der Begriff “Aggression” (lat. aggredi = heranschreiten, etwas in Angriff nehmen) stellt einen Gegenpol zur “Regression” (lat. = zurückweichen) dar. Bereits auf 5000 Jahre alten Artefakten ägyptischer Pharaonen, in der biblischen Erzählung von Kain und Abel etc. finden sich Darstellungen von aggressivem Verhalten. Sie spielt schon lange eine Rolle in theologischen und philosophischen Überlegungen und ist seit etwa 100 Jahren auch Thema der jungen modernen Psychologie.

Verschiedene Theorien

Den ersten von den drei prominentesten Ansätzen stellen die Triebtheorien dar. K. Lorenz beschreibt Aggression in seiner “Instinkttheorie” als evolutionäres Erbe und in der menschlichen Natur verankert. Sigmund Freud beschrieb in seiner Trieblehre, dass im Menschen die beiden Triebsysteme Eros und Thanatos verankert seien. Eros und seine für psychische Prozesse bereit gestellte Energie “Libido” haben als Ziel, Lebendiges zu erschaffen und Thanatos zu hindern. Thanatos mit seiner Energie “Destrudo” möchte alles Lebendige zerstören. Nach Freud sind Aggressionen in jedem vorhanden und müssen durch Zivilisierung, Kultur und die Ausbildung eines moralisch leitenden Über-Ichs verhindert werden. Um unangenehme oder nicht-akzeptierte Gefühle abzulenken, setzt der psychische Apparat des Menschen Abwehrmechanismen ein: Aggressionen können auf gesellschaftlich verträgliche Weise ausgelebt, auf andere Ziele verschoben oder ganz verdrängt werden. Eine Unterdrückung des Aggressionstriebs kann sich jedoch langfristig in körperlichen und geistigen Krankheiten manifestieren. Freuds zusätzliche Hypothese, Aggression verringere sich durch das Zeigen von aggressivem Verhalten (“Dampf ablassen”), wurde aber widerlegt.

Daneben gibt es die Lerntheorien, die Aggression als Ergebnis eines Lernprozesses verstehen. Durch Klassische Konditionierung und sogenanntes “Reiz-Reaktions-Lernen” lösen beispielsweise ursprünglich neutrale Reize, die einmal oder mehrmals mit einem biologisch signifikanten Reiz gepaart wurden, eine Verhaltensreaktion auch in Abwesenheit des biologisch relevanten Reizes aus (Beispiel: Wenn uns jemand geärgert hat und wir danach seinen Namen hören, entsteht dadurch bereits Wut). Durch operante Konditionierung und “Lernen am Erfolg” wiederholen und lernen wir die Verhaltensweisen, welche oft zum Erfolg geführt haben (Beispiel: Ein Kind, welches durch aggressives Schreien und Treten seine Eltern dazu bringt, ihm Süßigkeiten zur Ruhigstellung zu kaufen, wird dieses verhalten zukünftig öfter zeigen). Außerdem erlernen Kinder aggressives Verhalten auch durch bloßes Beobachten von Modellen (Eltern, Lehrer, Schauspieler im TV etc.). Erfolgreiche aggressive Modelle führen langfristig zu Einstellungsveränderungen und Abstumpfungen der Gefühle über Gewalt. Dieses “Lernen am Modell” ist wesentlich in Albert Banduras „Sozial-kognitiver-Lerntheorie“ (1963).

Ein plausibler Kompromiss zwischen den beiden Ansätzen ist die Frustrations-Aggressions-Hypothese (Dollard, 1937), nach welcher unerfüllte Hoffnungen und Erwartungen und Frustration die Wahrscheinlichkeit für aggressive Reaktionen erhöhen.

Subjekte und Objekte der Aggression

Aggression als Gegenpol der Regression ist eine von zwei Grundhaltungen, die das Subjekt gegenüber den Objekten, denen es begegnet, einnehmen kann. Aggression ist der Impuls, an das heranzutreten, worauf man einwirken will. Erst die Absicht, die dahintersteckt entscheidet, ob der Impuls aufbaut oder zerstört

Bedeutung der Aggression bei Tieren

Aggression unter Tieren lässt sich in der Regel Imponier-, Droh- oder Kampfverhalten zuordnen und zielt auf die territoriale Vorherrschaft oder die Vertreibung anderer Tiere ab. Verursacht werden Aggressionen unter Tieren durch Eindringen eines Fremden in das eigene Revier,  sexuelles Rivalisieren, Rangordnungsverhalten, das Bedürfnis zur Beseitigung von Hindernissen der Triebbefriedigung, Verteidigung der Gruppe und weiteren evolutionär relevanten Situationen. 

Besonderheiten der Aggression bei Menschen

Über die Entstehung von Aggression gibt es vier wichtige wissenschaftliche Annahmen: 1) Durchsetzen eigener Interessen, die im Konflikt mit Interessen Anderer stehen. 2) Der Wunsch, Beachtung von Anderen zu bekommen. 3) Auf Aggressionen Anderer reagieren. 4) Als Vergeltung für eigens erlittene Aggressionsakte. Den Menschen unterscheidet die Fähigkeit vom Tier, bewusst zu entscheiden, wie sehr er aggressiven Neigungen nachgeht und mit Konflikten umgeht. Diese Fähigkeit kann auf der Grundlage von allgemeinem Wissen (z.B. durch Erkennen von dysfunktionalen Verhaltensmustern im sozialen Umfeld) trainiert werden. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Menschen ist außerdem das Zeigen von Aggression aus Gehorsam, Nachahmung und Willkür heraus.

Ursachen für Aggression bei Menschen

Die häufigsten Ursachen und Kontexte für auftretende Aggressionen beim Menschen sind das Erleben von Angst, Wut, Frustration, Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Ungerechtigkeit, Rivalität, Minderwertigkeitsgefühlen, das Bedürfnis nach Selbstaufwertung, Hunger, Durst, Kälte, Hitze, Schmerzen, Stress, emotionale oder physische Überforderung, Notwendigkeit zur Selbstverteidigung und weiteren Situationen mit einem gewissen inneren oder äußeren Konfliktpotenzial.

Funktionen der Aggression bei Menschen

Dysfunktional wird Aggression dann, wenn durch diese eine Selbst- oder Fremdgefährdung besteht und die eigene Handlungs- und Kontrollfähigkeit aus den Fugen gerät. Dabei sind Aggressionen an sich nicht schlecht oder sinnlos. Was mich wütend macht, enthält sehr wichtige Informationen über mich selbst, meine Hoffnungen und (enttäuschte) Erwartungen, Einstellungen und Überzeugungen. Aggressionen machen außerdem auf die eigenen Belastungsgrenzen aufmerksam und können andererseits auch Grenzen nach außen vermitteln. Manchmal können sichtbare Aggressionen das Gegenüber einschüchtern, sodass ein potentieller Konflikt eben nicht entsteht. Durch die bewusste Wahrnehmung und Wertschätzung seiner Aggression kann man Einsichten und Erkenntnisse über sein seelisches Erleben und Verhalten gewinnen und die Aufmerksamkeit auf (eventuell mangelhaft vorhandene) Werte und Prinzipien lenken. Aggressionen sind also funktional, wenn man ihren Informationsgehalt über die eigenen Bedürfnisse reflektiert und sie in einer Weise abbaut, dass weder man selbst noch Andere zu Schaden kommen.

Physiologie der Aggression 

Auftretende Aggressionen stehen mit einer Kaskade physiologischer Prozesse in Verbindung. Der Sympathikus wird aktiviert und mit ihm die “Kampf-oder-Flucht-Reaktion”, bei welcher der Körper in Alarmbereitschaft mit gesteigerter Abwehr- und Fluchtbereitschaft versetzt wird. Auch der Hypothalamus und die Hirnrinde sind beteiligt und die Konzentration der Stresshormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin steigt im Blut. Es kommt zu einem Anstieg von Puls, Atemfrequenz, Blutdruck und Blutzuckerspiegel und die Blutgefäße verengen sich. Die Muskelspannung steigt, während die Aktivität der Magen- und Darmkontraktion und die Hauttemperatur sinken. Übrigens: Wenn wir hungrig sind und der Blutzuckerspiegel sinkt, alarmiert das Gehirn bestimmte Organe, mehr Glukose zu produzieren, wobei Stresshorme ausgeschüttet werden, die wiederum auf das Gemüt drücken und Wut auslösen können.

Auch zeigt sich Aggression meistens durch charakteristische “Wutmimik” und eine offensivere Körperhaltung und Gestik.

Es gibt zahlreiche Krankheitsbilder, bei denen Aggressionen eine Rolle spielen: Bipolare Störungen, Schizophrenie, Psychosen, ADHS, Demenz, Vergiftungszustände (durch z.B. Alkohol), Angststörungen, Hormonstörungen, Körperliche Mangelzustände und viele mehr.

Möglichkeiten der Regulation

Grundsätzlich ist es langfristig niemals förderlich, aufgestaute Emotionen zu unterdrücken. Vielmehr sollte man sie auf eine Weise abbauen, ohne dass dabei jemand oder etwas zu Schaden kommt. Kurzfristig können Sport, Entspannungstechniken, Atemübungen, gedanklicher Fokuswechsel oder lautes Schreien an einem geeigneten Ort mögliche Aktivitäten zur Lösung der Aggression sein. Längerfristig sind Antiaggressionstrainings, das Einüben von Gewaltfreier Kommunikation und natürlich Psychotherapie wertvolle Instanzen, um einen gesunden Umgang mit Aggression zu erlernen und zu verstehen. Besonders in der Therapie sind Ziele, angemessene Aggression kontrolliert zulassen zu können, gehemmte Aggressionen aufzuarbeiten, sie zuzulassen und zu spüren und Strategien zur Verhinderung unangemessener Aggressionen zu erlernen. Wertvolle Fähigkeiten in Bezug auf einen gesunden Umgang mit Aggressionen sind, sich von Situationen distanzieren zu können, Perspektivwechsel, Kompromissbereitschaft, die Stärkung der Selbstkontrolle, Eigenverantwortung und Selbstreflexion, Konfliktlösestrategien sowie das Erlernen von funktionellen Verhaltensmodellen als funktionale Alternative zur Aggression.  

Dr. med. Vadym Pastushenko

Neurologe und Psychotherapeut Dortmund

A. Fuss, Dr. V. Pastushenko